Wettkampfformen des Ju-Jitsu
Natürlich gibt es auch im Ju-Jitsu Wettkämpfe und Meisterschaften. Interessierte Ju-Jitsukas haben die Möglichkeit, sich in diversen Disziplinen zu messen, von denen jedoch keine olympisch ist. Den sportlichen Höhepunkt für die Wettkampfformen Duo- und Fighting-System bilden jeweils die World Games, welche so etwas wie eine Olympiade für die nicht olympischen Sportarten darstellen und alle vier Jahre durchgeführt werden.
Duo-System
Das Duo-System hat seinen Namen erhalten, weil bei einem
Wettkampf in dieser Disziplin immer zwei Paare gegeneinander antreten. Das
eine Paarmitglied übernimmt die Rolle des Angreifers (Uke), das andere
die Rolle des Angegriffenen (Tori).
Etwas salopp lässt sich sagen, dass die Angriffe Pflicht, die Abwehren
von Tori hingegen Kür sind. Es gibt insgesamt 20 vorgeschriebene Angriffe,
die in vier Serien (A, B, C und D) zu je fünf Angriffen aufgeteilt
sind.
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| Foto: Nadine Wagner |
Im Wettkampf werden von den fünf Angriffen pro Serie
jeweils drei per Zufall ausgewählt. Ein Mattenrichter gibt dem kämpfenden
Paar durch ein Kommando den Angriff (1-5) bekannt. Uke muss darauf ohne
Verzögerung den richtigen Angriff ausführen, Tori reagiert unverzüglich
mit einer einstudierten Abwehr. Am Ende jeder Serie wird die Darbietung
des Paares durch eine fünfköpfige Jury mit Noten (1-10) bewertet.
Die Bewertung erfolgt nach fünf Kriterien: Haltung, Effektivität,
Kontrolle und Schnelligkeit der Abwehr sowie Kraft des Angriffs. Bei jeder
Serie wird die höchste und die tiefste Note gestrichen, die verbleibenden
drei Noten werden aufsummiert.
Die beiden rivalisierenden Paare wechseln sich serienweise ab. Damit hat
die Jury die Möglichkeit, die entsprechende Serie der beiden Paare
direkt miteinander zu vergleichen und die Kämpfer bekommen eine kurze
Erholungspause.
Wenn beide Paare alle vier Serien vorgeführt haben, werden die Noten
zusammengezählt. In der Regel steht der Sieger danach fest. Bei Punktegleichstand
(Hikiwake) wird wieder bei Serie A begonnen. Sobald ein Paar in einer Serie
die höhere Punktezahl erreicht, gewinnt es den Kampf.
Das Duo-System wird bedauerlicherweise von vielen Ju-Jitsukas immer noch
als Show missverstanden. Es ist zwar richtig, dass viele Kombinationen eines
gut eingespielten Duo-Paares zu komplex sind, um zur Selbstverteidigung
eingesetzt zu werden. Das Training des Duo-System führt jedoch dazu,
dass die einzelnen Techniken unzählige Male wiederholt und verbessert
werden, bis sie schliesslich reflexartig fehlerfrei gelingen. Dazu kommt,
dass durch dieses Training nahezu alle koordinativen und konditionellen
Fähigkeiten intensiv geschult werden. Unter Berücksichtigung dieser
Punkte muss auch dem Duo-System ein beträchtlicher Selbstverteidigungsaspekt
zugestanden werden.
Fighting-System
Das Fighting ist die einzige der hier vorgestellten Wettkampfformen, bei der wirklich gegeneinander gekämpft wird. Diese Kämpfe finden unter gewissen Einschränkungen und Regeln statt, welche das Risiko einer Verletzung so weit wie möglich minimieren und das Fighting zu einem sportlichen Wettkampf machen. Es geht also nicht darum, den Gegner K.O. zu schlagen, sondern durch kontrolliert ausgeführte Schlag-, Tritt-, Wurf-, Hebel- und Würgetechniken Wertungspunkte zu erzielen.
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| Foto: Nadine Wagner |
Der Kampf wird in drei Parts aufgeteilt. Part I hat sehr
viel Ähnlichkeit mit einem Semikontakt-Karatekampf. Erlaubt sind hier
Schlag-, Tritt- und Fegetechniken, als Reaktion darauf natürlich auch
Block- und Ausweichtechniken. Schläge und Tritte unterhalb der Gürtellinie
und gerade gegen das Gesicht sind verboten. Die Angriffe müssen so
dosiert werden, dass sie den Gegner leicht berühren, ohne ihm Schmerzen
oder Verletzungen zuzuführen (skin touch).
Gelingt es einem der Kämpfer, seinen Rivalen zu halten, wechselt der
Kampf in Part II. Hier ist es das Ziel, den Gegner durch eine Wurftechnik
zu Boden zu bringen. Anders als im Judo kann auch eine Wertung erzielt werden,
wenn der Gegner nach einem Wurf auf dem Bauch landet.
Sobald einer der Kämpfer zu Boden gebracht wurde,
beginnt Part III. Hier versuchen die Kämpfer den Gegner entweder durch
eine Hebel- oder Würgetechnik zur Aufgabe durch Abklopfen zu bringen,
oder ihn durch eine Festhaltetechnik (osae waza) eine bestimmte Zeit am
Boden zu fixieren. Verboten sind Würger mit den Fingern sowie Hebel
an Zehen, Fingern und der gesamten Wirbelsäule.
Das Kampfgericht besteht aus einem Mattenrichter sowie zwei Seitenrichtern.
Diese zeigen Wertungspunkte und Strafen durch Handzeichen an. Im Fighting
gibt es drei Wertungen: Die Standardwertung für eine halbwegs geglückte
Technik ist das Wazari (ein Punkt). Für eine besonders gut gelungene
Technik, z.B. ein ungeblockter Körpertreffer in Part I, ein Wurf, dem
der Gegner nichts entgegenzusetzen vermag oder ein Festhalter von 15 Sekunden,
ergibt ein Ippon (zwei Punkte). Wem es gelingt, seinen Gegner in Part III
zum Abklopfen zu bringen, erhält ein Ippon das drei Punkte zählt.
Die Strafen führen, je nach Härte des Verstosses, zu einem (shido)
oder zwei (chui) Punkten für den Gegner, oder zur Disqualifikation
des Bestraften (hansoko-make). Eine Wertung oder eine Strafe kommt zu Stande,
wenn sie von mindestens zwei der drei Kampfrichter angezeigt wird.
Neben einer Disqualifikation oder der Aufgabe des Gegners gibt es zwei Möglichkeiten,
den Kampf zu gewinnen. Der normale Sieg ist der Punktesieg. Der Kämpfer,
der nach der Kampfzeit von drei Minuten die höhere Punktzahl hat, gewinnt
den Kampf. Die andere Möglichkeit ist der Sieg durch technische Überlegenheit.
Wenn ein Kämpfer in jedem Part mindestens ein Ippon hat, entscheidet
er den Kampf vorzeitig für sich (full ippon).
Kata
Die Kata ist ursprünglich nicht eine Wettkampfform,
sondern eine technische Demonstration, wie sie beispielsweise an einer Prüfung
für eine höhere Gradierung vorgezeigt werden muss. In vielen Ländern,
darunter in der Schweiz, werden regelmässig Meisterschaften durchgeführt,
bei denen eine Jury die einzelnen Katas bewertet.
Eine Kata ist eine bis ins Detail vorgeschriebene Form, bei der das Ziel
ist, die einzelnen Techniken bis zur Perfektion zu bringen. Dies erfordert
nahezu endloses Üben und sehr viel Disziplin.
Bei den Katas des schweizerischen Ju-Jitsu handelt es sich um die Kodokan
Katas aus dem Judo. Diese werden immer zu zweit ausgeführt. Ein Teilnehmer
übernimmt die Rolle des Angreifers (Uke), der andere die Rolle des
Verteidigers (Tori). Die Kata besteht aus verschiedenen Angriffen von Uke,
auf die Tori jeweils mit einer Abwehr reagiert, an deren Ende Uke immer
unter Kontrolle ist. Diese Techniken finden im Rahmen eines Zeremoniells
statt, welches das gemeinsame Betreten der Matten, das Grüssen durch
Verbeugen, sowie die Handhabung allfälliger Waffen, welche für
die Angriffe benötigt werden, beinhaltet.
Eine Kata ist eine sehr traditionelle Form. Entsprechend geht es dabei in
der Regel auch etwas gemächlicher zu als im Duo- oder Fighting-System.
Durch die enorme Konzentration die es braucht, um eine ganze Kata, welche
mehr als zehn Minuten dauern kann, bis ins Detail korrekt auszuführen,
ist sie jedoch mental sehr anspruchsvoll.

